Niedergang und Rückkehr der Vampire
Sie schlafen bei Tag und erwachen bei Nacht. Blut ist ihr Lebenselixier und sie können ihre Gestalt verändern. Als Nebel kriechen sie über eine Vollmondlandschaft und als Fledermaus legen sie weite Strecken zurück. Sie können Häuser nicht ohne Einladung betreten, fürchten Knoblauch, Silber und hassen das Kreuz. Nur ein Pfahl durchs Herz oder die gleißenden Strahlen der Sonne kann sie von ihrem ewigen Leben erlösen und die Menschen von ihrem Blutdurst bewahren. Doch wie wird man eigentlich zum Vampir? Gibt man seinem Blutdurst kampflos nach oder versucht man sich seine Menschlichkeit zu bewahren? Lebt es sich in der Gemeinschaft anderer Vampire mit Regeln besser oder zieht man die Einsamkeit vor? Was mag ein Vampir fühlen, wenn er die Ewigkeit vor seinen unsterblichen Augen vorbeiziehen sieht, bekannte Gesichter im Alter und Tod verblassen und die Welt sich wandelt? Vampire sind weitaus mehr als nur blutsaugende Dämonen, die für Heldengeschichten zur Jagd freigegeben sind. Eine gute Gelegenheit ihren Ursprung und ihre mögliche Zukunft näher zu betrachten.


Der Ursprung
Die Wiege der Vampire liegt in Rumänien, genauer gesagt in Transsilvanien. Inmitten majestätischer Berge ragt eine alte Burg auf, in der der erste Vampir gewohnt haben soll. So stellt man es sich zumindest vor. In Wahrheit wurde die Legende über Vampire mit Bram Stokers Buch „Dracula“ berühmt und bildet heute noch den Grundstein dieser Kultur. Dabei basiert die Geschichte auf den rumänischen Kriegsherren Vlad Tepes (auch Vlad, „der Pfähler“ genannt). Der Legende nach hat er Rumänien gegen die Invasoren aus der Türkei verteidigt und seine Feinde auf großen Pfählen aufgespießt. Hier lohnt sich definitiv der Film „The Dark Prince“, in dem die Vorgeschichte des Fürsten sehr gut beleuchtet wird. Natürlich ist die Verfilmung von Bram Stokers „Dracula“ legendär und hat das Verständnis für Vampire in der Popkultur maßgeblich vorbestimmt. Ein Vampir in Menschengestalt, der sich in eine menschliche Frau verliebt, die seiner toten Ehefrau ähnelt. Sehnsucht, Schmerz, Verbitterung und der innere Dämon wird hier sehr gut dargestellt und gleichzeitig auf die Gut gegen Böse Schiene runtergebrochen. Allerdings versetzt man sich in Dracula sehr gut hinein und so bleibt eine Grauzone, in der man sich folgende Frage stellt: wie würde ich mich verhalten, wenn mir alles Geliebte genommen werden würde? Würde ich vielleicht auch die Welt brennen sehen wollen und gnadenlos ausbluten lassen?

The enemy inside
Ein weiterer Vertreter des Vampirkults im Filmegenre ist definitiv „Interview mit einem Vampir“ in dem Tom Cruise und Brad Pitt sich gegenseitig gnadenlos an Schauspielkunst übertreffen. Dabei offenbart der Vampir Louis sich einem Reporter gegenüber und erzählt seine Geschichte. Angefangen von seiner Erschaffung, über den Zwist mit seinem mörderischen Lehrer Lestat und Intrigen, die mehrere Jahrhunderte überdauern sollen. Hier steht nicht das Monster als Bedrohung, sondern eher die verletzliche und zerbrechliche Seele im Vordergrund, die im Laufe der Unsterblichkeit an ihren Prinzipien festzuhalten versucht oder zerbricht. Schauspielkunst war hier die beste Methode, Vampire über den stumpfen Splatter- und Horrorfaktor hinaus hervorzuheben.
Splatterparty
Apropos Horror und Splatter: im Laufe der Zeit hat Hollywood das Thema „Vampirismus“ extrem ausgeschlachtet; die Liste der Horrorfilme ist lang und im Laufe der Zeit verblasst die Faszination und man gewinnt den Eindruck, dass Vampire lediglich als Gegenpart des Helden (oder als Kanonenfutter) dienen. Da braucht es schon eine innovative Idee, um das Grauen nochmal zu steigern. „30 Day of Night“ schlägt hier genau in die Kerbe und liefert mit dem Setting (eine Kleinstadt in Alaska, in der 30 Tage lang nur Dunkelheit herrscht) einen amtlichen Nervenkitzel ab. Als Vorlage dient der Comic von Steve Niles, wo wir beim nächsten großen Bereich sind, nämlich Comics. So hat sich Marvel ebenfalls auf das Vampirthema gestürzt und mit „Blade“ nicht nur eine kultige Comicreihe, sondern eine (extrem sehenswerte!) Filmtrilogie mit Wesley Snipes herausgebracht. Allerdings wurde die düstere Atmosphäre im dritten Teil durch viele „Deadpool“ Einlagen durchbrochen, die später dem gleichnamigem Comichelden eine sehr gute Startposition bescheren sollte.

Kult oder Kitsch?
Und dann gab es da noch die „Twilight“ Saga… Ich habe grundsätzlich nichts gegen jugendliche Fantasy und sowohl der Erfolg der Bücher, als auch der Filme sprechen hier ihre eigene Sprache. Allerdings hat sich dadurch ein Büchertrend eingeschlichen, der sich bis heute etabliert hat und ausgeweidet wird. Die Rede ist von Romantasy, in der sich zwei gegensätzliche Stereotypen (z.B. Engelskriegerin und Botschafter des Teufels) ineinander verlieben. Grundsätzlich ist dagegen nichts auszusetzen, allerdings wird gerade dieses Segment fokussiert und mystische Szenarien dienen (teilweise) lediglich als nett geschmückte Bühne, um eine Geschichte zu verkaufen, die man früher im Kiosk als Groschenroman verkauft hätte. Es gibt natürlich viele andere Beispiele, bei denen auch die Probleme der gegensätzlichen Welten sehr gut in die Geschichte integriert werden; allerdings ertappe ich mich immer öfter dabei die Rückseite von Büchern zu lesen und mich für eine Geschichte zu interessieren, bis ich den Absatz „der gutaussehende“ oder „“den sie nicht lieben darf“ entdecke und das Buch wieder weglege. Zu viel Kitsch, zu wenig Substanz laufen hier Gefahr eine Geschichte zu erzählen, die mich persönliche enttäuscht. Für Jugendliche und Einsteiger in die Welt ist es bestimmt eine gute Gelegenheit zu erfahren, dass auch gegensätzliche Welten sich anziehen und einander tolerieren und respektieren können.

Back to the Roots
Umso erfreuter war ich, als der Film „Nosferatu“ rauskam; ein klassischer Vampirfilm, der sowohl Horror, als auch Tiefgang gleichermaßen bediente. Der Film zelebrierte kompromisslos alles, was das Genre ausmacht und gab mir das Gefühl, dass es die Modernisierung des Vampirkults nie gegeben hätte, weil es direkt aus dem Ursprung zu kommen schien. Dieses Gefühl beschrieb auch der Sänger von Moonspell in einem Interview gegenüber dem Legacy Magazin, das die Band zum aktuellen Album „Far from God“ inspiriert hat, wobei wir beim nächsten großen Einfluss der Blutsauger angekommen sind: die Musik.
Besagte Band Moonspell haben in den 90er Jahren die Gothic Metal Welt aktiv mitgestaltet und halten bis heute die Flagge weiterhin hoch, ohne auf moderne Elemente zu verzichten. Der Song (und die Bühnenshow) `Vampiria` dürfte problemlos der Soundtrack zu jedem Vampirfilm sein, der jemals gedreht worden ist. Aber auch im Black Metal ist das Thema Vampirismus zuhause (z.B. Cradle of Filth, Siebenbürgen, Abigor) und erfreut sich zeitloser Inspiration. Auch Freunde des finsteren Doom-Metals wurden mit `Suspended in Dusk`von Type O Negative (Bonustrack vom „Bloody Kisses“ Album) extrem atmosphärisch bedient. Es gibt noch viele weitere Bands und Alben, die dem Vampirkult frönen, aber das würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.

Blood Omen-Legacy of Kain
Einen besonderen Tiefgang in Sachen Psyche, Rassismus und Schicksal wird in der Computerspielreihe „Blood Omen- Legacy of Kain“ inklusive der „Soul Reaver“ Reihe geboten. Wer zusätzlich noch gerne und intensiv die Möglichkeiten und Gefahren von Zeitreisen (Gruß an „Zurück in die Zukunft“) analysiert, kann hier mehrere Monate Diskussionsmaterial sammeln, was in diversen Foren und YouTube Videos auch aktiv gemacht wurde. Zur Story: der Adelige Kain wird von Wegelagerern ermordet und erhält vom Totenbeschwörer Mortanius die Gelegenheit erneut ins Leben zurückzukehren, um sich zu rächen. Getrieben von Rachedurst akzeptiert Kain diese Möglichkeit, ohne über die möglichen Konsequenzen nachzudenken und wird als Vampir wiedergeboren. Nachdem er an seinen Mördern Rache verübt hat, sucht er als Untoter seinen Sinn in der Welt Nosgoth und erfährt von den Säulen, die das Gleichgewicht der Welt aufrechterhalten. Die Hüterin des Gleichgewichts Ariel offenbart ihm, dass diese Welt ins Ungleichgewicht geraten ist und durch den Tod der Säulenhüter geläutert werden muss. Ab hier entspinnt sich eine fesselnde Geschichte voller Intrigen, Besessenheit und Machtgier. Inmitten dieses Gefühlschaos lernt Kain den ältesten Vampir Vorador kennen und beginnt sich zu fragen, ob seine Existenz als Vampir ein Fluch oder ein Geschenk ist, was zu einer intensiven Identitätssuche führt. Sein größter Widersacher Möbius, der Zeitstromlenker, versetzt ihn dabei in eine Zeit, die nicht nur über das Schicksal Nosgoths entscheidet, sondern die größte Katastrophe von allen als Grundlage für die Soul Reaver Reihe einzementiert: Geschichte verabscheut ein Paradox und lässt nicht nur die Welt, sondern unser grundlegendes Denken und unsere Weltanschauung in ihren Grundfesten erzittern. Weitere Details findet ihr auch in meiner Liebeserklärung zur Legacy of Kain Reihe.
Vampire in Rollenspielen
Generell gibt es in der Computerspielgruft viele Vertreter des Vampirgenres. Eines davon ist „Vampire- The Masquerade Bloodlines“ aus dem Jahr 2004. Als frischgebackener Vampir erwachen wir in Los Angeles und müssen uns einer modernen Gesellschaft stellen, die von verschiedenen Vampirclans beherrscht wird. Neben den Intrigen und erbarmungslosen Machenschaften, müssen wir die Maskerade aufrechterhalten. Das bedeutet, dass Menschen unsere Vampirnatur nicht enttarnen dürfen. Neben Kämpfen spielen Entscheidungen eine tragende Rolle, was zur Veröffentlichung des Spiels noch ein Novum war. Rückwirkend betrachtet kann man das Spiel auch als Inspiration für dystopische Abenteuer wie „Cyberpunk“ ansehen, in denen aber halt Vampire die Hauptrolle spielen.
Rollenspiele und Vampire sind mittlerweile schon fast untrennbar verbunden und werden auch besonders gerne in DLC´s integriert. So bekam man bei Skyrim beispielsweise mit der Erweiterung „Dawnguard“ nicht nur die Möglichkeit selbst zum Vampir zu werden, sondern eine packende Geschichte inmitten eines Familienzwists mitzugestalten. Aber auch der Witcher 3 DLC „Of Blood and Wine“ nutzt die Mysterien der Vampire sehr gut aus und vermag dabei sowohl Freund als auch Feind gleichzeitig zu sein. Eine ganz andere Sicht der Welt gibt es in „Vampyr“; hier schlüpfen wir in die (untote) Haut des Doktors Jonathan Reid, der zur Zeit der spanischen Grippe in London als Arzt sein Unwesen treibt. Hier ist der Mix aus Detektivarbeit und Entscheidungsfreiheit im Fokus, wobei die Atmosphäre zwischen Heimlichkeit und Gottkomplex stellenweise sehr schmal ist. Aber auch in „Resident Evil Village“ trifft man auf Lady Dimitrescu und ihre drei Vampirtöchter, die jedoch einzig der Verkörperung der Bösewichte dienen.

Ein Dämmerblut sie zu knechten
Leider gab es auch einige Enttäuschungen und Fehlschläge im Gamingbereich (hallo „Vampire- The Masquerade 2“). Hinzu kommt, dass wir mittlerweile in einer Welt leben, in der bereits sehr viel über Vampire gesagt, geschrieben oder erschaffen wurde. Um so erfrischender ist es, wenn ein Game veröffentlicht wird, dass sich auf die Ursprünge des Vampirismus bezieht und den Spieler zum Mitfühlen zwingt. In „Blood of the Dawnwalker“ werden wir im Rumänien des 13. Jahrhundert von Vampiren gerettet. Als Gegenleistung dienen wir ihnen einmal pro Woche als Nahrung, indem wir einige Tropfen Blut opfern. Wir werden zwar nicht von machtgierigen Fürsten bedroht und die Pest kann uns nichts anhaben, aber dafür ist es eine kompromisslose Herrschaft der Vampire, die schnell eskaliert und uns am Ende der Nahrungskette die eigentliche Geschichte erleben lässt. Das Spiel glänzt durch seine Grafik, sein innovatives Kampfsystem und seine Geschichte. Unterschwellig schwingt jedoch immer das Gefühl mit, als Blutsauger verflucht zu sein und seine Fähigkeiten zu beherrschen. Gleichzeitig muss man sich entscheiden, ob man sich der Verderbnis hingibt und zum Monster wird, oder sich seine Menschlichkeit bewahrt. Diese Art der Identitätskrise ist es, was den eigentlichen Reiz ausmacht und die zwiespältige Natur des Vampirs zelebriert, ehe er sich für eine Seite entschieden hat.
On darkened wings
Auf dunklen Schwingen jagen sie durch die Nacht, auf der Suche nach Blut und (vielleicht?) den Überresten ihrer Menschlichkeit. Unsterblichkeit hat ihren Preis und so wird das Mysterium der Vampire wahrscheinlich ebenso überdauern, wie es ihre Körper über mehrere Jahrhunderte tun. Bleibt zu hoffen, dass niemals der gleißende Sonnenstrahl einer entmystifizierten Gesellschaft jemals den Vampirkult zu Asche verbrennen wird. Aber solange es die Angst vor der Dunkelheit und die Kunst des Geschichtenerzählens gibt, werden die Vampire wohl vielleicht doch ewig leben…