Gothic Reisetagebuch

Gothic- ein Reisetagebuch

Liebes Tagebuch,
mein Name ist… ach, mein Name tut nicht wirklich was zur Sache. Aber die Geschichten, die ich erlebt habe, könnten für die Nachwelt interessant sein. Egal ob ihr Anhänger Innos ´seid, gerne Beliars Kreaturen in den Arsch tretet, oder euch dem Schläfer verschrieben habt; meine Reise durchs Minental dürfte einigen von euch bekannt vorkommen. 

 

Wir schreiben das Jahr 2001 in einer Videothek in Selm (NRW). In dem Computerspielregal thront eine einsame Verpackung mit einer dämonischen Maske auf dem Cover. Der Name „Gothic“ lässt mich zuerst an das Album von Paradise Lost denken, aber das Fantasy Cover spricht eine andere Sprache. Einmal aus dem Regal geholt und auf der Rückseite geschaut, wo actionreiche Screenshots, zwei leicht bekleidete Damen und der Abschnitt „On Stage: die deutsche Kult-Musikgruppe „In Extremo“ tritt im alten Lager auf“ zu sehen sind.  „Das kann doch gar nicht schlecht sein“ denke ich mir und leihe es mir aus und muss meinen Irrtum schnell erkennen. Es ist nicht nur schlecht, mein erster Ausflug ins Minental ist schlichtweg zum Kotzen. Die Steuerung über Maus und Tastatur ist gewöhnungsbedürftig, eine Tastenerklärung nicht vorhanden und mein erster Spaziergang endete abrupt nach 10 Minuten im Schnabel eines Scavengers. Der Empfang ist ja schon nett (erstmal eine aufs Maul bekommen), aber wie soll ich mich hier zurechtfinden? Also kniete ich vor Truhen und probierte alle Tasten aus, bis ich endlich verstanden hatte, wie ich mit Objekten interagieren kann. Das Inventar ist bereits ein Gegner für sich, aber dafür sieht die Welt atemberaubend gut aus. Nachdem ich einige Male gestorben bin, kam ich auf die Idee, mich von jemandem ins neue Lager führen zu lassen. Vorbei an üblen Viechern (aber beim Kampf meines Gefährten noch schön die Erfahrungspunkte mitnehmen) entdeckte ich nicht nur weitere Bewohner des Minentals, sondern merkte auch schnell wie es sich anfühlt, am unteren Ende der Nahrungskette zu sein. Da half auch ein sympathischer Diego nicht viel, der mich zwar unterstützte, aber mich im alten Lager auch nicht vor den gierigen Söldnern beschützen konnte. Ich war mehrmals davor meine Reise im Minental abzubrechen und den Freitod durch Deinstallation zu wählen, als ich In Extremo im Lager auftreten sah. Dann noch mit einigen Leuten ins Gespräch gekommen und gespürt, dass diese Welt zu gut ist, um sie zu verlassen. Also Arschbacken zusammengekniffen, viele Leute angequatscht, kleine Quests gelöst und in ganz kleinen Schritten aufgelevelt. Und wer hätte das gedacht; irgendwann lief es besser und ich durfte endlich Arschtritte verteilen, statt sie zu kassieren. Sacvenger waren kein Problem und sogar den einen oder anderen Kampf gegen Banditen konnte ich für mich verbuchen. Allerdings gab es einige goldene Regeln, an die ich mich halten musste, um mir mein Abenteuer nicht zu versauen: klau niemals aus der Hütte Zeug, wenn du gesehen wirst und tötet keinen Menschen, wenn du ihm „nur“ eine Lektion erteilen möchtest. Auf diese Art und Weise durchlief ich als Veteran im alten und im neuen Lager zwei Abenteuer, ehe sich „Gothic“ als schöne Erinnerung ins Langzeitgedächtnis brannte. Natürlich erlebte ich auch den zweiten Teil (inklusive „Die Nacht des Raben“) und das Bugfest des dritten Teils, während ich immer noch verzweifelt versuche mit Sumpfkraut die Erinnerung an „Arcania- A Gothic Tale“ für immer zu ersticken.

Minental Revisited

Mittlerweile ist ein Vierteljahrhundert ins Land gegangen, die Videothek ist zu Staub zerfallen und mein Körper arbeitet langsam aber sicher daran, das Gleiche zu tun. Zum Glück hat sich ein Entwicklerstudio des Erbes von „Gothic“ angenommen und ein Remake veröffentlicht, mit dem ich zurzeit beschäftigt bin. Entweder hat der Faustschlag zur Begrüßung mein Augenlicht verzerrt, oder die Welt ist (dank aktueller Grafik) wirklich hübscher geworden. Ansonsten hat sich zum Glück nicht viel verändert; die Welt ist mein Gegner, ich starte mit nichts außer meiner Lust aufs Abenteuer und bekomme (wer hätte das gedacht?) konstant aufs Maul. 

Schlösserknacken ist ein Minispiel geworden, das ich nach einige Eingewöhnung nur noch leise verfluche. Die Kämpfe sind immer noch hakelig, aber besser als früher. Dieses Mal schließe ich mich dem Sumpflager an; ich glaube zwar nicht an den Schläfer, aber die Ausbildung bei den Templern macht mich zur zaubernden Kampfmaschine und das Sumpfkraut ist auch nicht übel. Nachdem ich einen magischen Stein geborgen und einige Minecrawler weggeklatscht hatte, bin ich bei der Gemeinschaft im Sumpflager eigentlich gut angekommen. Die meiste Zeit verbringe ich immer noch die Welt zu erkunden. Neulich habe ich mich im Orkgebiet verlaufen und nachdem ich erfolgreich einen Bluthund erlegt hatte, stolperte ich in eine Horde Snapper rein, die mich fast gekillt hätte. Egal, trotzdem gibt es hier viel zu erkunden, noch einige Quests zu erleben und auch wenn moderne Hilfsmittel wie Questmarker, Weltkarte oder ein gescheites Kampfsystem im Stile von Dark Souls nicht vorhanden ist, so entwickle ich mich doch sehr gut weiter und bin schon neugierig, was es als nächstes zu erleben gilt.  Ich hoffe, dass wir es eines Tages schaffen, aus der magischen Kuppel zu entkommen und wieder frei zu sein. In der Zwischenzeit gibt es hier noch viel zu tun und zu lernen. Ich lösche jetzt mein magisches Licht und geh pennen (in meiner eigenen Hütte, mit grandioser Aussicht über den Sumpf). Vielleicht habe ich die nächsten Tage keine zeit mehr zu schreiben, aber falls jemand das liest, der gerade erst im Mintental angekommen ist, musst du deinen eigenen Weg finden, um hier drin zu überleben. Stelle dich gut mit den wichtigen Leuten, entscheide dich für ein Lager, das dir am sympathischsten ist und lass dich hier drin nicht verarschen oder ausnutzen. 

Einfach mal machen

Ob das mal so eine gute Idee ist? Ich habe zwei Spruchrollen, eine gute Rüstung und endlich auch ein Schwert, das ordentlich Schaden macht. Im alten Lager ist eine schreiende Ungerechtigkeit passiert, die mich sehr beschäftigt. Vielleicht sollte ich es einmal versuchen?
 

(Wenige Stunden später)

 

Ich habe schon viel dummes Zeug in meinem Leben gemacht, aber dies dürfte lange Zeit mein Spitzenreiter sein. Nachdem ich mich mit einer Spruchrolle in eine Harpyie verwandelt habe, bin ich ins alte Lager geflogen und habe mich in die Küche geschlichen. Dort habe ich die Köchin, die heimlich ins das Sumpflager fliehen wollte und von einem Gardisten belästigt wurde, tot aufgefunden. Ich kann mich nur noch vage an die Ereignisse danach erinnern. Ich weiß noch, dass ich eine Spruchrolle benutzt habe und plötzlich ein Dämon mitten im Burghof auftauchte, und die Gardisten angriff. Im Eifer des Gefechtes verlor ich jegliche Selbstbeherrschung und griff die Gardisten an. „Nun töte ich“ war mein einziger Gedanke, um den Tod der Köchin und anderer Unschuldigen zu rächen. Danach versinken meine Erinnerungen im dunklen Nebel. Jetzt sitze ich hier mit sehr vielen Waffen (sehr guter Zustand, nur einmal von Gardisten fallengelassen) und der Erzrüstung von Gomez und lege mich im Sumpflager Schlafen. Ich weiß nur, dass es das alte Lager stellenweise nicht mehr gibt und Gomez nie wieder Unschuldige töten wird. 

Easter Eggs & Co
 

Die meiste Zeit bin ich mit Latschen und Suchen beschäftigt. Mittlerweile habe ich mir einen amtlichen Streitkolben geschmiedet und spare auf den „Götterhammer“ (selbst die Götter können nicht fester zuschlagen), um auch das größte Viech wegklatschen zu können. Auf meinen Spaziergängen verwandle ich mich gelegentlich mit Spruchrollen in einen Waran, um lange und tief unter Wasser zu tauschen, oder als Blutfliege schnell einige Berge im Orktal zu überwinden. Dabei entdecke ich coole Easter Eggs aus anderen Spielen (hallo Geralt, Umbrella Corporation und Let me solo her) und lerne mittlerweile orkisch. Neulich hat es mich in ein altes Grab verschlagen, wo mir scharenweise Skelette und ein Magier aufgelauert haben. Eine gute Gelegenheit, um meine neue Rune „Kugelblitz“ auszuprobieren und die hat schlichtweg alles geplättet! Mittlerweile bin ich älter geworden, erinnere mich nur noch bruchstückhaft an meinen ersten Ausflug in Minental und erkenne gelegentlich einige Situationen wieder. Kann natürlich auch an dem Sumpfkraut liegen, das ich mir reingezogen habe, aber mittlerweile bin ich auf Mana Tränke umgestiegen, um meine magische Kraft wieder aufzufüllen. Drogen sind halt doch kacke. Zum Glück geht es nicht nur mit so, denn auch Gorn fühlt sich stellenweise zu alt für den Scheiß (Grüße an Lethal Weapon). 

Die letzten Schritte
 

Ich glaube, im neuen Lager sollte ich mich jetzt erstmal nicht mehr blicken lassen. Immerhin, jetzt habe ich ein cooles Schwert und mache mich auf den Weg zum Tempel. Eigentlich respektiere ich die Orks irgendwie, schließlich sind sie ein Volk von Kriegern und setzen auf Ehre und Stärke. Ich hätte mir gerne auf dem normalem Weg Zutritt zum Tempel verschafft, aber leider hat es trotz erfolgreichem Totenritual nicht funktioniert. Verdammter Bug! Aber dafür habe ich noch einen anderen Weg hineingefunden. Mittlerweile kenne ich mich gut aus und es dürfte ein leichtes sein, die Stätte des Schläfers zu finden. Warum auch immer hier so viel Blut und untote Viecher auf meinem Weg sind. Egal, auf geht´s zum Endboss.

(Letzter Eintrag)

Das lief anders als erwartet. Allerdings lebe ich noch, auch wenn ich nicht sagen kann, wie lange das gut gehen wird. Ich habe alle Heiltränke verbraucht und auch mein Mana Vorrat neigt sich langsam dem Ende zu. Mein letzter Lichtzauber spendet noch genug Licht für diese Zeilen, ehe mich die Dunkelheit umfängt. Was passiert ist, wollt ihr wissen? Ihr könnt gerne meinen Endboss Kampf auf YouTube sehen. Damit dürfte meine Geschichte zuende erzählt worden sein. 

Oder doch nicht?

(die letzte Seite ist leicht verbrannt)

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